von Helene Leimer
Viele jüngere Retrieverhalter werden die Entstehung des Begriffs „Field Trial Linie“ nicht kennen. Man sprach in England früher allgemein von „working strains“ oder „Arbeitslinien“ und meinte damit die Bestimmung bzw. Verwendung der Retriever für die Arbeit nach dem Schuss in der Niederwildjagd. Im Mutterland der Retriever verglich man die Leistungen der in den Revieren arbeitenden „gundogs“ bzw. Jagdgebrauchshunde in „field trials“ bzw. sportlichen Wettkämpfen. Field Trials sind Jagdprüfungen auf frisch geschossenes Feder- und Haarwild. Sie wurden sehr schnell beliebt und waren bald so weit verbreitet, dass es wenig Arbeitslinien gab, deren Vertreter nicht auf Field Trials erschienen.

Think Twice Something Special beim ‚Picking up‘
In den vergangenen Dekaden beeinflussten die in Field Trials besonders erfolgreichen Linien mit ihren Field Trial Champions (FT-CH) maßgeblich die Zucht.
In den Field Trial Linien wird größtes Augenmerk auf gute Prüfungseigenschaften gelegt. Diese Eigenschaften decken sich praktisch mit den bekannten jagdlichen Kriterien.
Man tauschte zwar die Bezeichnung Arbeitslinie oder „working strain“ für den Retriever als Jagdhelfer gegen die Bezeichnung Field Trial Linie für den Retriever als Prüfungshund UND Jagdhelfer, aber die Bedeutung verschob sich zumindest in England kaum.
Es liegt in der Natur der nationalen Jagdgegebenheiten ebenso wie im stark wachsenden Prüfungswesen auf dem europäischen Festland, dass sich bei uns der Begriff Field Trial Linien durchsetzte.
Kontinentale Hundeführer versuchten verständlicherweise, die Grundlage für Prüfungserfolge mit dem Kauf von Welpen aus erfolgreichen FT Linien zu importieren.
Sie hatten vielleicht nicht immer das Glück, die Besten eines Wurfes oder einen Retriever aus einer besonders hoffnungsvollen Paarung zu bekommen. Fallweise traten auch gesundheitliche Probleme wie PRA und HC, in geringem Masse Hüftprobleme oder Ellbogendefekte auf.
Nichts allerdings, was nicht auch auf Importe aus Showlinien zutreffen könnte.
Die Arbeitshunde in England vermittelten bis vor einigen Jahren einen im Aussehen etwas „leichten“ Eindruck, was so manchen spöttischen Kommentar wie „Windhunde“ oder „Mickymäuse“ provozierte.
In der Zwischenzeit nähert sich das Exterieur aber wieder dem ursprünglichen Typus an und es sind ausgesprochen harmonische Exemplare zu sehen … abgesehen von der elegant-kraftvollen Schönheit in der Bewegung dieser Gebrauchshunde.
Heute brillieren hierzulande Retriever aus FT-Linien vor allem durch großartige Leistungen in Working Tests, aber auch in den weniger häufigen Field Trials, sowie in den traditionellen heimischen Jagdprüfungen inklusive Schweißprüfungen.
Mit vielen dieser erfolgreichen Importhunde wurde bereits weitergezüchtet und so eine eigene FT-Zuchtbasis begründet.
In England reagiert man übrigens auf Zuchtprobleme, wie man es immer getan hatte. Innerhalb weniger Generationen merzt man die unerwünschten Merkmale in Erscheinung, Gesundheit oder Wesen aus.
Dies konnte besonders bei den Labradors aufgrund der großen Field Trial Zuchtbasis ebenso gut durchgeführt werden, wie dies bei den Showlinien möglich ist.
Obligatorische HD- und Augenuntersuchungen trugen wesentlich zur Qualitätsverbesserung bei.
Dennoch darf man nicht unterschätzen, wie sehr der englische FT Züchter bei der Auswahl der Deckpartner auf Arbeitsmerkmale wie „nose, style, good temperament, natural game finding ability, will to please, etc.“ achtet.
Das Angebot an FT-Hunden ist gerade bei den Labradors groß wie nie zuvor.
Sicher sind gute persönliche Verbindungen kein Nachteil beim Welpenkauf, aber ein bewährter Hundeführer wird kein Problem haben, einen vielversprechenden Welpen zu finden.
Auf dem Kontinent übertrifft zur Zeit die Wurfanzahl hin und wieder die qualifizierte Nachfrage.
Es geht eben schneller, eine relativ große Anzahl guter Arbeitshunde bereit zu stellen, als eine ebenso große Anzahl geeigneter Hundeführer auszubilden.
Da dies aber nur eine Frage der Zeit und des qualitativ tauglichen Trainings ist, wird der Workingtest Boom hierzulande hoffentlich anhalten. Dadurch wird vermehrt Gelegenheit zur artgerechten und sportlichen Beschäftigung mit unseren Retrievern geboten.
Wie definiert sich eine REINE Arbeitslinie oder FT-Linie?
Nehmen wir als Beispiel den Holway Golden Retriever Zwinger von Mrs. June Atkinson. Hier sprechen wir von einer Arbeitslinie, die seit mehr als 50 Jahren besteht.
Bei gut über 20 FT-Champions, die von der Züchterin selbst trainiert und geführt wurden, kann man mit Fug und Recht von einer ausgesprochenen Field Trial Linie im alten und im neuen Sinn sprechen.
Die Holway Goldens wurden immer für den Jagdgebrauch gezüchtet, immer aber auch auf Jagdprüfungen/Field Trials geführt. Sie haben ihre Bestimmung sozusagen „im Blut“.
Mrs. Atkinson verkauft nach wie vor gerne an Jäger und Gamekeeper, die Gebrauchshunde wollen. Sie bildete ab und zu einen ihrer Goldens für einen Jäger aus.
Viele ihrer Hunde laufen auf Prüfungen und werden als picking up Hunde eingesetzt.
Obwohl man in der Prüfungsszene von den reinen Jagdhunden in der Regel nichts mehr hört, bilden gerade sie einen wichtigen Teil der Zuchtbasis.
Durch den täglichen Jagdgebrauch entwickeln und tradieren diese echten „gundogs“ nämlich die sonst immer seltener werdenden Eigenschaften wie „natural game finding ability“. Sie entwickeln auch das nötige sichere Wesen, das ein Jagdhund für seine Arbeit braucht.
Dieses sichere Wesen macht den Retriever bekanntlich auch zum idealen Familienhund.

Fawnquest Amusing the Duchess beim ‚Picking up‘
Was ist der Unterschied zwischen einem working retriever oder field trial dog und einem „Arbeits-Prädikatshund“?
Englische Arbeitslinien sind Blutlinien. Der Hund trägt Arbeitsblut in sich, in dem Sinne, dass mit diesen Hunden immer jagdlich (= picking up) gearbeitet wurde. Sie tragen daher die entsprechend benötigten Eigenschaften wie „good nose, style, natural game finding ability, good temperament, will to please“, etc. als ungeschriebene Zuchtkriterien in sich. Bei deutschen oder österreichischen Retrievern aus jagdlicher Zucht hingegen haben beide Elterntiere eine erfolgreiche Bringleistungsprüfung. Bei jagdlicher Leistungszucht auch mindestens drei der Großeltern. Nicht mehr und nicht weniger. Die abgelegten Prüfungen lassen selbstverständlich gewisse Schlüsse hinsichtlich der hier auf dem Kontinent gewünschten jagdlichen Brauchbarkeit zu. Sie bedeuten aber nicht, dass eine BLP pro Elternteil einen „jagdlich gezüchteten“ Hund im Sinne einer Blutlinie hervorbringt.
Bitte hier nicht protestieren! Unsere Festland-Kriterien sind einfach völlig anders, als die über viele Generationen lange Zucht von Arbeitslinienhunden. Letztere wurden immer Arbeitskriterien, nicht aber Showkriterien unterworfen. Zurück zu unserem Beispiel: Bei den Holways waren die erwähnten Eigenschaften über 50 Jahre lang Zuchtziel. Dem gegenüber stehen das 25-jährige Jubiläum des österreichischen Retrieverclubs im Jahr 2005 und immerhin auch erst 40 Jahre DRC.
In Deutschland gibt es eine wachsende Zahl von FT-Importen, hauptsächlich Labradors. Viele dieser Hunde sind bereits in die Weiterzucht gegangen. Es ist daher umso wichtiger, sich der Herkunft der Hunde bewusst zu sein. Man sollte wissen, was es für einen Unterschied machen kann, einen «Arbeits-Retriever» aus englischen FT-Linien zu kaufen. Ein deutscher Prädikatshund, der das Zuchtprädikat «Jagdliche Leistungszucht» trägt, hat eine andere Herkunft und Geschichte. Seine Vorfahren haben BLP’s und RGP’s bestanden und waren für einen anderen jagdlichen Verwendungszweck gezüchtet als ein englisches Field Trial.

Holway Bombazine wartet in der Schützenlinie auf Rebhühner
Foto: Helene Leimer
Die Schlussfolgerung daraus ist: Ein Erstretrieverhalter sieht auf einem Workingtest oder Field Trial einen FT-gezüchteten Hund großartig arbeiten. Nun möchte er daraufhin so einen Hund kaufen. Zu diesem Zweck sucht er auf den Welpenlisten nach jagdlichen Zuchtprädikaten. Dabei könnte könnte er leicht Opfer eines Irrtums werden.
Er könnte einen zwar sehr guten Retriever erwerben, aber eben unter Umständen einen von einem völlig anderen Schlag als erwartet.
Über die späteren Verwendungsmöglichkeiten seines Retrievers sollte sich daher jeder Welpenkäufer so breit wie möglich informieren. Dann sollte er den für ihn geeigneten Schlag bzw. die für ihn geeignete Linie suchen.
Ich möchte mich ganz herzlich bei Helene Leimer (A) bedanken, dass sie exclusiv für meine Homepage diesen interessanten und aufschlussreichen Text verfasst hat! Ebenso möchte ich mich bei ihr für die mir zur Verfügung gestellten Fotos danken. Helene selbst ist Leistungsrichterin und Working Test Richterin, langjährige Golden- u. Labrador-Führerin auf Jagden und Workingtests, Ausbilderin und Autorin des Buches „Die Sache mit dem Dummy“ und des Videos „Cheerful Success“.
Das Copyright auf Text und Foto von Holway Bombazine liegt bei Helene Leimer!